Die Bezugspunkte der WertKritik Berlin (WKB) sind einerseits die Wert-Abspaltungskritik von der Theoriezeitschrift EXIT! und andererseits der Kommunismusbegriff von Marx & Engels. Demnach ist der Kommunismus „nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.“ Die WKB will auf eine Verständigung zwischen den Ansätzen dieser Bewegung und den postmarxistischen Gesellschaftskritiken (z.B. von EXIT!) zusteuern, also eine konstruktive inhaltliche Auseinandersetzung, das schließt auch neuere kommunistische Ideen mit ein. Somit geht es auch um eine organisatorische Vermittlung, eine Diskussionskultur und das Zusammenwirken zwischen praktischer Aktion und theoretischer Kritik.

Das Selbstverständnis der WKB entwickelt und wandelt sich noch sehr. Dennoch lassen sich dafür schon folgende wichtige Punkte angeben:

  • Selbstkritik, sowohl an der eigenen Position als auch an der eigenen Person
  • eine gewisse Ausgeglichenheit zwischen Theorie, Aktion und Organisation (angesprochen u.a. von Jutta Ditfurth), also auch zwischen Avantgarde und Gruppen- bzw. Massenspontanität
  • Förderung der Gesprächs- und Diskussionskultur, indem kulturkritisch und psychoanalytisch den Problemen auf den Grund gegangen wird, nicht nur einseitig in die technisch-organisatorische Richtung (was in die Sackgasse von bloß oberflächlicher Diskursoptimierung führen kann)
  • die Berücksichtigung aller gesellschaftlichen Kategorien und nicht nur der kapitalistischen Negativkategorien
  • Offenheit für andere kritische Theorieströmungen und andere Teilbereiche, um eine möglichst vielseitige und grenzüberschreitende wissenschaftliche Orientierung zu erreichen
  • die Integration der eigenen persönlichen Interessen in die eigene Bildungsgeschichte, also keine zwanghafte Einschränkung auf die programmatischen Standard-Themenfelder und „Hauptwidersprüche“
  • Politik der ersten Person, denn „Das Private ist politisch“

Aus mehrjähriger Erfahrung lassen sich auch Dinge angeben, die ein Problem darstellen und möglichst zu vermeiden sind:

  • zum Absoluten bzw. Zentralen aufgeblasener Teilbereichs-Dogmatismus und Fachidiotismus (siehe die Scherbentheorie)
  • politischer Moralismus, d.h. kritische Theorie und Praxis als permanente Gesinnungsbewährungsprobe sowie entsprechende Correctness- und Tugendwächter (siehe Correctness. Über Moral als Mittel der Meinungskontrolle und Tugendterror)
  • leninistische „Parteidisziplin“ und „Kämpferexistenzen“ (siehe Adornos Leninismus)
  • (deutsche) Autoritätshörigkeit und Knechtseligkeit
  • linker Geniekult und Profilierung durch bloße Selbstausbeutung statt Selbstkritik und emanzipatorisches Vorankommen
  • Technokratenmentalität, d.h. sich in der eigenen Selbstreflexion nur einen Kopf machen über technisch-organisatorische Angelegenheiten und die Verdrängung von allem Anderen
  • ein von kritischem Denken und Handeln entfremdetes linkes Erfolgsstreben, das zur Vernebelung von eigenen „Schwächen“ und Ästhetisierung von eigenen „Stärken“ führt, also zum Fake
  • organisationsfeindlicher Konsumismus und Spontaneismus sowie kompensatorische Allmachts- bzw. Ohnmachtsfantasien, wobei auch die kapitalistische Individualisierung, Medialisierung und Infantilisierung unkritisch mitgemacht werden
  • kritische Theorie und Praxis als Verdrängungsinstrument für persönliche Konflikte bzw. Objekt der privaten Triebbefriedigung und das unterschwellige symbiotische Kurzschließen von Persönlichem und Politischem sowie die daraus folgende schleichende Privatisierung der politischen Aktivitäten statt ein bewusstes differenziertes Vermitteln und Zusammenwirken beider Seiten (leider können Realitätsprinzip und Lustprinzip auch in heutigen emanzipatorischen Bewegungen noch nicht derart zusammenfallen)
  • Spaltungs- und Verfeindungssucht, also tendenziell nur inhaltliche Konfrontationen in Form von Konkurrenzaktionen gegen die Anderen bzw. „Politik gegen dritte Personen“, die Fokussierung auf die Suche nach Abstoßungspunkten statt ergänzenden Elementen, was oft einhergeht mit der Idealisierung der eigenen Position als „einzig wahre Kritik“ („Besserwisserei“, Theoriechauvinismus)
  • ein einseitig objektivistisches Verständnis von Kapitalismus bzw. Patriarchat ohne ausreichende Berücksichtigung der subjektiv-politischen Dimensionen, was dann in absurden Subjektivismus umschlägt, also z.B. in blinde Personalisierung und Moralisierung der Kapitalismus- bzw. Patriarchatskritik
  • frauenfeindlicher Antifeminismus und männerfeindlicher Radikalfeminismus
  • nationale Beschränktheiten und Eurozentrismus
  • linksradikale Überanpassung, d.h. das vorschnelle Hineinwachsen in und die unkritische Identifikation mit linksradikalen Theorien, Traditionslinien, Verhaltensweisen, Projekten usw., sowie der narzisstische Gewinn, der aus dieser angepassten Identität folgt
  • linksradikale Isolation nach außen und kompensatorischer Gruppennarzissmus nach innen, also das Sektensyndrom

Die WKB ist ein experimentelles Nachfolgeprojekt eines nur auf die Wert-Abspaltungskritik fokussierten Lesekreises (2008-2011) und soll auch eine selbstkritische Überwindung des Vorgängerprojekts sein.